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Nicht wenige Marktbeobachter halten es für eines der wichtigsten Prestigeprojekte der aktuellen europäischen Politik: Der Aufbau einer europäischen Ratingagentur sollte die oligopolistischen Strukturen des von amerikanischen Anbietern wie Fitch, Moody’s oder S&P geprägten Rating-Marktes aufbrechen. Hintergrund der entsprechenden Bestrebungen ist vor allem die Mitschuld am Ausbruch der Finanzkrise 2007 / 2008, die den etablierten Ratingagenturen von vielen Marktteilnehmern zugesprochen wird. Sie hatten höchste Bonitätsbewertungen für Hypothekenanleihen vergeben, bei denen später erhebliche Risiken zutage traten. Zudem werfen zahlreiche Politiker den Ratingagenturen vor, mit ihren Einschätzungen die Euro-Krise zumindest forciert zu haben.

Inzwischen droht dem europäischen Alternativprojekt jedoch das Aus – so jedenfalls die Einschätzung des Beratungsunternehmens Roland Berger. Das Unternehmen glaubt nicht mehr an die Möglichkeit, das für das Projekt erforderliche Startkapital von 300 Millionen Euro einwerben zu können. Bei deutschen und französischen Großbanken, auf deren Unterstützung Berger hoffte, war das Interesse offenbar gering. Und auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) war zu dem Projekt auf Distanz gegangen.

Das Projekt von Roland Berger war bislang von der Politik unter mehreren Alternativen favorisiert worden. Es sah unter anderem vor, dass die beauftragte Ratingagentur regelmäßig gewechselt werden müsse. Ein solches Rotationsprinzip wird von Kritikern aus BDI, Europäischer Zentralbank und ESMA jedoch als nicht praktikabel betrachtet. Zudem hätten künftig nicht mehr die Emittenten, sondern die Investoren für die Ratings bezahlen sollen, um keiner Ratingagentur einen Anreiz zu bieten, sich mit übertrieben positiven Ratings Folgeaufträge zu sichern. In der Finanzbranche waren jedoch Zweifel laut geworden, ob es gelingen könne, die Investoren zur Bezahlung der Ratings zu motivieren.

Zur Finanzierung der europäischen Ratingagentur sah Berger ein Stiftungsmodell vor. Die Gesamtkosten hätten von insgesamt 30 verschiedenen Investoren aus der Finanzwirtschaft in Tranchen zu jeweils zehn Millionen Euro getragen werden sollen. Nachdem das Projekt zunächst auf Eis gelegt wurde, stellte eine kleine Gruppe von Finanziers aus Frankfurt allerdings so viele Mittel bereit, dass zumindest die Arbeit an dem Konzept weitergeführt werden kann.